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Aufgaben per Mail – Homeschooling in Deutschland

Die erste Welle der aktuellen COVID-19-Pandemie führte zu einer Schließung vieler Bildungseinrichtungen und rückte so die Themen digitale Lernprozesse & Homeschooling in den Fokus.

Christian Schmidt
November 20, 2020

Zum aktuellen Zeitpunkt befinden wir uns mitten in der zweiten Infektionswelle und ein erneuter Lockdown wurde beschlossen. In Betracht der anhaltenden Herausforderungssituation lohnt sich ein genauer Blick auf die bei Schüler:innen und Lehrkräften vorhandenen Ressourcen. Diese sollten zukünftig gezielt genutzt werden, um die Bedarfe von Lernenden und Lehrenden erfolgreich zu bedienen.

Computerräume anstatt mobiler Endgeräte

Deutsche Schulen hinken im internationalen Vergleich hinsichtlich ihrer technischen Infrastruktur deutlich hinterher. Allgemeinbildende Schulen sind gekennzeichnet von Computerräumen, fehlenden mobilen Endgeräten, schlechten WLAN-Netzwerken und unzulänglicher Ausstattung mit Lern- und Arbeitssoftware (Nationaler Bildungsbericht 2020 - Bildung in einer digitalisierten Welt).

Stellvertretend hierfür stehen gängige Begriffe wie „Laptop- oder iPad-Klassen“, welche demonstrieren, dass die Ausstattung mit mobilen Geräten an deutschen Schulen die Ausnahme, nicht die Regel darstellt. Der Unterricht bleibt geprägt von analogen Lernmedien wie Schulbüchern, Arbeitsblättern und Tafelbildern.

Lernen im Lockdown

Daher scheint es wenig verwunderlich, dass sich viele Schulen und Lehrkräfte im Zuge der ersten Infektionswelle und der Notwendigkeit von Distanzunterricht mit einer extremen Herausforderungssituation konfrontiert sahen. Für den Großteil der Schüler:innen an weiterführenden Schulen bedeutete das in erster Linie, von ihren Lehrkräften regelmäßig Aufgaben per Mail zugesendet zu bekommen und diese in gemeinsamen Chats mit Freunden unter der Zuhilfenahme von YouTube-Tutorials und Wikipedia-Artikeln zu lösen (JIMplus 2020 – Lernen und Freizeit in der Corona-Krise).

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Durch die eingeschränkte Verfügbarkeit oder den Wegfall von unterstützenden Strukturelementen, wie regelmäßigen Stundenplänen, didaktisch aufbereitete Unterrichtseinheiten und direkte Rück- und Nachfragemöglichkeiten bei Lehrkräften entstand eine Lernsituation, welche den Schüler:innen ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Selbstorganisation abverlangte (JIM plus 2020 – Lernen und Freizeit in der Corona-Krise).

Während ältere Schüler:innen hierzu häufig im Stande waren, benötigten jüngere Schüler:innen (12-13 Jahre) zu 90 Prozent die Hilfe ihrer Eltern (JIMplus 2020 – Lernen und Freizeit in der Corona-Krise).

Hardware im Homeschooling

Im Vergleich zu den schulischen Bildungsstätten präsentiert sich in den privaten Haushalten ein völlig anderes Bild und damit eine andere Lernumgebung im Homeschooling (JIM-Studie 2019):

  1. 99% der Haushalte besitzen ein Smartphone
  2. 98% der Haushalte besitzen Computer oder Laptops
  3. 98% der Haushalte haben WLAN

Hinzu kommt, dass 93% aller jugendlichen Schüler:innen über ein eigenes Smartphone verfügen und 65% einen eigenen PC oder Laptop besitzen.

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Betrachtet man die Top 3 Geräte, welche von Schüler:innen zum Lernen und zum Erledigen der Hausaufgaben zuhause eingesetzt werden, zeigt sich in der aktuellen JIMplus-Studie (2020) folgendes Bild:

  1. Handy/ Smartphone – 82%
  2. PC/ Laptop – 80%
  3. Drucker – 49%

Lehrkräfte & digitaler Unterricht

Wie sich anhand der Ergebnisse der JIMplus-Studie erkennen lässt, gelang es vielen Lehrkräften während des ersten Lockdowns nicht, ihren Schüler:innen ausreichende Kontakt- und Unterstützungsmöglichkeiten zu bieten. Während die Mehrheit der Lehrkräfte Aufgabenblätter via Email versendete, arbeiteten nur 22% der Klassen gemeinsam in einer Cloud-Anwendung.

Dieser Umstand ist in großen Teilen der Tatsache geschuldet, dass viele Schulen in Deutschland selbst für Schüler:innen im Sekundarbereich über keine webbasierte Anwendung für gemeinschaftliches Arbeiten oder ein Lernmanagementsystem (LMS) verfügen. Verstärkt wird diese Problematik für Lehrkräfte durch mangelnden Zugang zu digitalen Lerninhalten sowie unzureichenden technischen und pädagogischen Support von Seiten der Schule (Nationaler Bildungsbericht 2020 - Bildung in einer digitalisierten Welt).

Bücher & Bedarfe

Als möglicher Ansatzpunkt kommt an dieser Stelle ein Medium in Frage, welches bereits über bestehende Lerninhalte sowie eine didaktische Struktur verfügt und sowohl Lehrkräften, als auch Schüler:innen zugänglich und vertraut ist: das Schulbuch!

Das Schulbuch bietet zwar theoretisch die benötigten Ressourcen, präsentiert sich in der beobachteten Praxis von Distanzunterricht & Homeschooling, aufgrund seines meist analogen Charakters nicht als das Medium der Wahl (JIM plus 2020).

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Hier stellt sich die Frage ob man gedruckte Schulbücher als ein veraltetes Lernmedium sehen möchte, welches in Zeiten von digitalem Distanzunterricht ausgedient hat oder als eine ungenutzte Ressource, welche mit den richtigen Werkzeugen vergleichsweise einfach und gewinnbringend erschlossen werden kann.

Um die zweite Perspektive bzw. Behauptung angemessen betrachten zu können, gilt es noch einmal einen Blick auf die vorhandenen Bedarfe zu werfen.

Jüngere Schüler:innen:
  • benötigen tendenziell eine stärkere Begleitung im Lernprozess
  • profitieren stärker von didaktisch vorstrukturierten Lernprozessen
Ältere Schüler:innen:
  • profitieren auch von didaktischer Vorstrukturierung
  • benötigen jedoch vor allem angemessene digitale Lerninhalte
  • und eine digitale Arbeitsoberfläche zum gemeinsamen Arbeiten
Lehrkräfte:
  • benötigen digitale Lernmaterialen
  • eine Möglichkeit um Schüler:innen ausreichend Kontakt- und Unterstützung bieten zu können
  • und technischen sowie pädagogischen Support beim Einsatz digitaler Lösungen

App & Autorentool als Türöffner

Als eine mögliche Lösung kommt die Erweiterung von Schulbüchern um ein Autorentool für Lehrkräfte bzw. ein LMS (Learning Management System) mit integrierter Authoring-Funktion und einer dazugehörigen App für mobile Endgeräte in Frage. Diese Lösung nimmt Schulbücher und Smartphones als gemeinsamen Ausgangspunkt und verbindet die beiden verfügbaren Ressourcen mithilfe einer App und eines Lehrkraft-Autorentools.

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Ein Autorentool oder ein modernes LMS kann Lehrkräften die Möglichkeit bieten, Schulbuchinhalte mit Unterstützung zu digitalisieren, zu erweitern und bei Bedarf anzupassen. Die dazugehörige App ermöglicht anschließend die Bereitstellung der Inhalte auf dem mobilen Endgerät der Lernenden in einer bedarfsorientierten digitalen Form.

Den Schüler:innen kann eine App den benötigten niederschwelligen Zugang zu didaktisch aufbereiteten digitalen Lerninhalten, eine digitale Arbeitsoberfläche sowie direkte Kommunikationsmöglichkeiten mit ihren Lehrkräften und Mitschüler:innen bieten.

Abschließend lässt sich festhalten:
  • an deutschen Schulen zeigt die bisherige Umsetzung von Distanzunterricht vielerorts großen Verbesserungsbedarf, aber auch ungenutzte Potenziale
  • Schüler:innen verfügen zuhause durch Smartphones & WLAN theoretisch über ausreichend technische Ressourcen um erfolgreich digital Lernen zu können
  • Lehrkräfte und Schüler:innen verfügen durch Schulbücher über bereits didaktisch aufbereitete und vorstrukturierte analoge Lernmaterialien
  • eine Kombination aus Schulbuch, modernem LMS und App könnte ungenutzte Ressourcen erschließen und die Bedarfe von Lehrkräften und Schüler:innen erfolgreich bedienen
  • dieser Lösungsansatz erfordert von Schulen, vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie, Neuinvestitionen in Software anstelle von Hardware und somit einen situationsbedingten Strategiewechsel!

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